Integrative Lerntherapie – Was bedeutet das konkret?

Die Integrative Lerntherapie verfolgt einen bedarfs- und ressourcenorientierten Ansatz, der den Klienten und die zu Tage tretenden Schwierigkeiten ganzheitlich und systemisch betrachtet. Das bedeutet konkret, dass bei einer diagnostizierten LRS beispielsweise kein reines „Symptomtraining“ stattfindet, das dem Klienten hilft, diese zu reduzieren oder zumindest zu kompensieren. Es wird stets der Mensch als Ganzes betrachtet, sowohl in seinem sozialen und familiären Umfeld, wie auch in der Schule (oder dem Betrieb). Wir schauen, inwiefern äußere Faktoren das Lernen ungünstig beeinflussen oder welche Rolle im „System“ Familie oder der Klasse der Klient einnimmt. In der Erstanamnese bringen wir die gesamte bisherige Entwicklung des Klienten in Erfahrung, von der Schwangerschaft bis zum aktuellen Zeitpunkt. Dabei können alle Aspekte von Bedeutung sein und die seelische Entwicklung des Kindes ungünstig beeinflusst haben. Zu Beginn einer Therapie führen wir eine Lernstandsanalyse durch (sofern sich die Schwierigkeiten auf bestimmte Fächer oder Bereiche beziehen) und währenddessen eine durchgehende qualitative Diagnostik. Jede Therapie beinhaltet die Zusammenarbeit mit der Schule, den Fachlehrern, bei Bedarf Ergotherapeuten oder Logopäden, sowie dem Jugendamt und gegebenenfalls involvierten Einrichtungen beziehungsweise Maßnahmen nach §35a SGB VIII. Es finden regelmäßig Entwicklungsgespräche mit den Eltern statt und die Therapie- und Förderpläne sind flexibel, werden also dem Therapieverlauf angepasst.

Im Fokus unserer Arbeit steht dabei das seelische Wohl des Klienten und somit die therapeutische Arbeit am „MindSet“, also den Vorstellungen, Gedanken und Glaubensmustern, welche die Klienten aufgrund bisheriger Erfahrungen aufgebaut haben. Diese sind in der Regel entmutigt, trauen sich nichts mehr zu, haben Versagensängste und teilweise schon in der Grundschule Zukunftsängste. Sie halten sich selbst für „falsch“, „dumm“, „anders“, „minderwertig“ und „unzureichend“. Je nach Ausprägung wirkt sich das bis in das private Umfeld des Klienten aus. Sie reagieren mit sozialem Rückzug oder tragen Konflikte mit den Eltern aus.

Zu Beginn der Therapie legen wir, gemeinsam mit den Eltern und den Klienten selbst, den Schwerpunkt und die Ziele fest. In der Regel geht es zu Anfang zunächst um die Stärkung, Ermutigung und den Abbau festgefahrener Glaubenssätze, die das Lernen blockieren. Wenn der Klient bereit dazu ist, können gemeinsam Strategien und Methoden erarbeitet werden, die den jeweiligen Bereich erleichtern oder die Schwierigkeiten kompensieren. Nicht selten ist ein kumuliertes Wissensdefizit ursächlich, sodass Wissenslücken gefüllt und das Verständnis schrittweise aufgebaut werden kann.

Um Wissenslücken zu füllen oder Verstehensprozesse in Gang zu bringen, gehen wir dabei vom deduktiven Lernen, dem selbstentdeckenden Lernen, sowie dem Lernen durch gezielte Fragen aus. Die Frage-Methode ist auf Sokrates zurückzuführen, der seine Schüler lehrte, indem er ihnen Fragen stellte und somit Lernprozesse in Gang setzte. Die Klienten erhalten von uns das Wissen nicht „auf dem Tablett serviert“, sondern erarbeiten sich alles selbst. Sie werden vor Herausforderungen und Probleme gestellt, die sie selbst lösen und erforschen müssen. Das Lernen erfolgt aufgrund von Erfahrungen, auf der Basis von Versuch und Irrtum, auf eigenen Gedanken, Vorstellungen und Ideen, aufgrund eigener Erkenntnisse und Schlussfolgerungen. Wir achten hierbei auf die „Zone der proximalen Entwicklung“ (nach Wygotski) – das bedeutet, dass wir sehr genau die Balance zwischen einer zu bewältigenden Herausforderung und der Unterforderung finden müssen, sodass der Klient Fortschritte macht ohne sich über- oder unterfordert zu fühlen. Bei den Lernprozessen berücksichtigen wir die neuesten Erkenntnisse der Neurowissenschaften, sodass beispielsweise möglichst viele Sinne in das Lernen mit einbezogen werden und Lernen viel über Bilder, Geschichten und Emotionen erfolgt. Weiterhin gehen wir – insbesondere in der Mathematik – vom allgemein gültigen fachmathematischen Ansatz aus, Lerninhalte zunächst praktisch zu „erfahren“, konkret-handelnd, einen Übergang in die ikonische Ebene (bildliche Darstellung) zu schaffen und schließlich Verstehensprozesse auf der abstrakten Ebene zu bewirken.